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über malerei

malerei oder versuch
einer beschreibung

Versuche über Malerei

Verlockung, dem Auge Fest und Anstoß, sich mit dem Dahinter in einen Dialog zu begeben.
Das Bild: die Beute, der Fund, das Geschenk, das weiterzureichen wichtig ist, das Resultat
einer Reise, sichtbar für den, der gewillt ist, hinzuschauen und sich einzulassen.

Das Bild: die Erzählung von den Schichten zwischen den Schichten.

Ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, daß es einen besseren gibt.
Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang (Elias Canetti).

Der Fang: das Ergebnis einer Reise in die Zwischenwelt.

Die Spuren des Schiffs in den Wellen. Die Klarheit der Farben,
die Reinheit der Luft, die Klarheit der Sinne.

Der haltbare Fang: die Farben und Formen, aus denen Welt besteht.
Die Obszönität der Welt, das Geheimnis der Landschaft und der Wille zu leben. Malerei.

Die Wellenlänge der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit, die zu suchen es gilt hinter
der Wirklichkeit des Scheins, der Wirklichkeit der Welt. Die Reise des
Malers, die Suche nach der Wirklichkeit. Die Suche nach der Wahrheit,
der Erhabenheit, der Ruhe und der Tiefe.

Welt bedeutet nicht Haus und Hof, nicht Technik, Wissenschaft und Philosophie,
Welt bedeutet nicht Erdball oder Wasser, Land. Welt bedeutet Sein, bedeutet Dasein,
ist Existenz. Ist Kunst. Bilder voller Farbe, voller Form, Bilder, bestehend
aus Symbolen, Zeichen, sendend auf der Wellenlänge der Wirklichkeit.

Entscheidend ist das Bemühen um Wahrhaftigkeit, um Ehrlichkeit. Nicht im bloßen Abbilden
der äußeren Welt, der scheinbaren Hülle, sondern im Sichtbarmachen der Zwischenschichten,
im Erfahrbarmachen von Wirklichkeit liegt das Ziel.

Das Leben vor dem Vergessen, die Gefahr der Oberflächlichkeit, das Verblassen
der Schönheit im Glanz der Scheinwerfer.

Du siehst den Regenbogen, und du weißt ob der Lüge über das Gold an seinem Ende,
doch es gibt diesen Bogen nicht. Schön und groß die Freude, ihn an einem Tag einer Reise
entdecken zu können. Doch trotz all der Lügen, Märchen, trotz all der Farben,
es ist nicht Wirklichkeit, was zu sehen du glaubst. Das Abbild der Welt ist Schein.
Es gilt, dahinter die Suche zu beginnen. Es gilt, die Bilder zu bewahren, die Netze,
in denen der haltbare Fang sich zeigt.

Malerei gehört sich nicht. Sie ist unanständig, öffentlich und böse, sie ist
nie endenwollendes Aufeinanderfolgen von Leid und Schmerz und Glück.
Sie ist abartig, sie ist Zerstörung, ist Chaos, ist Musik und Lärm und laut und leise,
ist Lust und Qual und Wut. Sie ist Geduld und Ungeduld. Sie ist zum Kotzen. Manchmal.

Das Verblassen der Schönheit im Glanz der Scheinwerfer … Schönheit ist Verzweiflung,
Schönheit liegt im Tod, im Dunkel und im Hellen, im Zarten und im Häßlichen.

Der Schwarze Raum, absorbierend alles Licht der Welt, alles Leben, alle Liebe, alles Glück,
alles Dunkle, alles Helle in diesem einen Schwarzen Raum. Black Box.

Das Verweilen an der Oberfläche, das bloße Abbild einer Rose, all das kann Malerei nicht sein,
all das darf Malerei nicht sein.

Das Schreiben über Malerei kann Malerei nur sein.

Malerei ist Sprache, Ausdruck. Sie ist das tote Fleisch in meinem Mund,
sie ist Verwesung, Leben, Tod und Auferstehung.

Die sinnliche Erfahrung des Schreibens, des Führens der Feder und der Tinte
über ein Blatt Papier: Malerei. Zeichnung.

Die Aneinanderreihung von Zeichen, Buchstaben und Symbolen: Schrift.
Schrift ist Bild. Schrift im Sinne einer Malerei, die wandern soll zwischen den Schichten.
Schrift und Zeichnung sind autonom, sind Musik, sind Malerei.
Schreiben über Malerei bedeutet nicht Erklärung, nicht Interpretation der Bilder:
Schreiben über Malerei ist Malerei mit anderen Mitteln.

Die Angst des Malers vor der leeren weißen Fläche einer Leinwand.
Das Erstaunen vor der Unberührtheit, vor der Reinheit und der Weite. Die Ehrfurcht
vor der Kraft der Leere. Die Schönheit der Leere einer weißen Fläche. Ein Blatt Papier,
wartend, seine Funktion als Träger von Zeichen zu erfüllen.

Die Zeichen werden diese Welt verändern.

Den Gesang der Sirenen wiederzuentdecken, diese Verlockung zu suchen: ein Ziel.

Stille.

Mitten im Lärm die Stille.

Die Vertrautheit des Fremden, das weiße Blatt Papier, die Harmonie,
der Klang, die Welt der Töne, der Gesang der Sirenen. Stille.
Bilder: Zufluchtsorte zur Erinnerung an die Zukunft.

Orte der Ruhe, der Muße und der Ehrfurcht. Es gilt, wieder Kathedralen zu bauen.
Räume voller Stille, voller Harmonie und Tiefe. Räume der Besinnung,
frei von Angst. Räume, in denen Bilder leben, atmen und ihre Kraft entfalten können.
Räume in denen Malerei erfahrbar wird als Kraft des Lebens, als Träger der Erinnerung
der Gegenwart, der Zukunft.

Landschaft. Immer wieder ist es Landschaft. Landschaft, das ist Leben, Leere,
Raum und Weite. Landschaft, das sind große Bilder, das ist Torf und Erde,
das sind Hecken, Sträucher, das ist Weite und Enge zugleich, das ist Bedrohung, Gewalt
und Stille, Liebe, Wärme und Geborgenheit. Das bedeutet Materialität, das heißt
dicke Farbschichten, das heißt Spuren der Bearbeitung und Risse in der Leinwand.

Landschaft, das ist Kraft, das ist Erhabenheit und Größe, das ist flaches Land unter
tiefliegenden Wolken ebenso, wie helle Sommer voller Licht und Trockenheit, voller Glut
und toter Erde. Das ist das grelle Gelb der Felder, das Schwarz der Erde, das Braun des Torfes.

Landschaft, das ist Vergangenheit, ist Mahnung und Erinnerung;
Landschaft, das sind Gräber. Zeichen. Orte.

Der Sturm im Herbst ist laut, die Nächte dunkel. Die Jahreszeiten existieren noch,
und der Mond scheint sonnenhell. Weiß.

Das Bewahren des Geheimnisses, das Malen einer Landschaft, das Malen eines Bildes.

Bilder, die die Schwere einer Landschaft, die das Material der Erde in sich tragen.

Bilder, die das Geheimnis offenbaren, ohne im Verrat sich zu verlieren.

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