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Malerei
oder Versuch einer Beschreibung
Donnerstag,
fast Mittag, ein Tag im Januar des neuen Jahres.
Die Sonne scheint, aber es ist auch wieder kalt geworden; nicht so sehr,
aber im Vergleich zu den vergangenen Tagen, die für diese Jahreszeit zu
warm gewesen, ist es kalt. Wieder habe ich mir einen Schal und eine dicke
Winterjacke angezogen, und so tut es gut, die Strahlen der Sonne zu spüren,
ihre noch geringe Kraft zu suchen, und auf den Zug zu warten, der mich
wieder einmal an den Rand des Emslandes bringen wird. Immer wieder einmal
fahre ich diese Strecke, benutze ich diesen Zug, um mich diesem für mich
so wichtigen Landstrich seitlich der Ems zu nähern. - Heimat.
Hier in dieser
kleinen Stadt am Rand des Ruhrgebietes… etwas mehr als
dreißig Jahre habe ich hier verbracht, bin hier geboren worden und
zur Schule gegangen, habe einen Beruf erlernt, bin wieder zur Schule gegangen,
habe studiert und lange Jahre nichts getan, was genannt zu werden
wichtig wäre; dann bin ich fortgezogen. Fünf Jahre habe ich auf dem Lande
gelebt, und bin wieder hierher zurückgekehrt, zurück in diese kleine Stadt
am Rand des Ruhrgebietes. Die Jahre, die ich in diesem kleinen Dorf
bei Werlte auf dem Hümmling, mitten im Emsland gelebt habe,
waren wichtig, waren prägend, waren von entscheidender Bedeutung für
mein Leben, haben meine Wurzeln freigelegt, haben Kraft gegeben,
mir einen Weg gewiesen.
Jetzt warte
ich auf den Zug nach Lingen. Ich stehe auf dem Bahnsteig,
und noch wenige Minuten und mein Zug wird eintreffen, wird
bremsenquietschend halten, bereit mich einsteigen zu lassen,
mich nach Norden zu fahren. Ich bin ein Stück weit nach vorn gelaufen,
dorthin, wo in etwa die Lokomotive halten wird. Ich kenne diese
Stelle, fahre ich doch nicht zum ersten Mal mit dem Zug in
diese Richtung. Nordwärts, elfuhrneunundfünfzig ab Recklinghausen.
Eine Stunde und elf Minuten werde ich in diesem Zug verbringen,
Verspätungen nicht ausgeschlossen. Lingen/Ems, -
weiter werde ich nicht fahren. Nicht dieses Mal. Eines Tages aber
werde ich länger in diesem Zug bleiben, werde erst am Meer, dem
letzten Halt auf dieser Strecke, wieder aussteigen, werde eine Fähre
besteigen, auf eine Insel fahren und das Meer genießen. Ich werde
die stille Weite der Nordsee in mich saugen und versuchen, Kraft zu tanken.
Ich werde allein sein mit mir, werde die Touristen meiden, werde den
Wellen lauschen, mein Ohr den Möwen schenken und Ruhe finden.
Mein Blick
geht hinweg über die Gleise, jenes, auf welchem gleich
mein Zug einfahren wird und jenes, welches gegenüber liegt, und auf dem
gleich, kurz vor der Ankunft meines eigenen Zuges, der Zug aus der
Gegenrichtung halten wird, und auf dem ich heute Abend wieder aussteigen
werde, denn mein Ausflug wird nur wenige Stunden dauern.
Ich schaue also über die Gleise hinweg, vorbei an zwei Plakatwänden,
sehe im Hintergrund, auf der anderen Seite der Straße die Gebäude
des Bahnhofsvorplatzes. Nicht eigentlich des Vorplatzes, der zur Zeit
sich in eine große Baustelle verwandelt hat, sondern eher schon stehen
diese Gebäude, diese Häuser dem Bahnhof schräg gegenüber, diesem
Bahnhof, der so häßlich ist, daß es gut tun würde, ihn gleich mit abzureißen;
mich zu erinnern an die alte Form dieses Gebäudes, an den kleinen
Teich, die Schwäne, die Atmosphäre und den Charme eines
alten Bahnhofs aus längst vergangenen Tagen, fällt mir schwer,
zu klein, zu jung war ich damals noch, aber letztlich gehört dieser große
Gebäudekomplex schräg gegenüber dem heutigen Bahnhof,
zur nächsten, unmittelbaren Umgebung. Eingerahmt von anderen
Häusern, neuen und alten, ein ehemaliger Luftschutzbunker,
heute die Recklinghäuser Kunsthalle. Das Blau der Fassade, nicht
mehr ganz so frisch wie zu Anfang, rechts davon der Neubau der Verwaltung,
links in gleicher Höhe alte Häuser. Imbißstuben, Kneipen,
eine Fahrschule, Wohnungen; an der linken Ecke weht traurig eine
alte rote Fahne. Ein Bild, wie übrig geblieben, wie vergessen,
aus welchem Grund auch immer. - Melancholie.
Der Zug kommt,
und ich freue mich auf den Kaffee, den ich mir als
erstes im Bistro bestellen werde. Ich steige einen Wagen zu weit vorne
ein,
gehe im Innern des Zuges zurück, öffne die automatischen Türen
zwischen den Waggons, die mir immer ein wenig unheimlich vorkommen,
und erreiche mein angestrebtes Ziel.
Immer wieder
ist es die Leere, die mich anzieht, die mir das Gefühl von
Sicherheit, von Geborgenheit und Weite gibt. Hier ist es heute voll, zu
voll.
Ich finde
einen freien Platz an einem der kleinen Tische, bestelle an der
ebenso kleinen Theke eine Tasse Kaffee und setze mich. Mein Blick ist
der Sonne entgegengerichtet, die noch sehr tief steht zu dieser Jahreszeit
und blendet. Es riecht nach Essen. In der Mikrowelle aufgewärmtes
Mittagessen. Soße, Fleisch, Kartoffeln. Es ist laut, aber immerhin habe
ich einen Platz auf der linken Seite in Fahrtrichtung des Zuges.
Diese Seite ist die bequemere. Ein kleiner Tisch vor mir, der Kaffee
schmeckt. Mittlerweile haben wir den Bahnhof verlassen, der Zug ist
angefahren und bis Münster wird sich an dieser Situation nichts ändern.
Münster, der nächste Haltepunkt. Dann noch Rheine und dann Lingen.
Eine schnelle Fahrt, schneller auch als mit dem Auto zu fahren. Eine Stunde,
elf Minuten. Mir gegenüber sitzt ein Mann, so um die Fünfzig. Er liest
Zeitung,
Bildzeitung, und an den Tischen auf der anderen Seite, Leute im Anzug,
unterhalten sich über ihre Arbeit, essen, sind wohl unterwegs zu einer
Besprechung.
Handys liegen auf dem Tisch, Terminplaner, Bier, das Essen.
Der Zug fährt durch eine mir gut bekannte Gegend. Hier bin ich früher
oft gewesen. Habe am Bahndamm gesessen, und den Zügen zugeschaut,
die vorüberfuhren. Bin meinen Träumen nachgehangen, habe gewartet,
auf was auch immer, bin spazierengegangen, habe Pläne gemacht und
auf deren Verwirklichung wieder nur gewartet. Ich würde gern dort sitzen,
heute, eines Tages, aber der Bahndamm existiert schon längst nicht mehr.
Sehnsucht. - Die Malerei, der Wille zur Veränderung. Das Leben leben und
dem Tod entgegengehen. Der Zug schwankt, mal mehr, mal weniger,
verringert seine Geschwindigkeit, bremst und hält an mit einem
kleinen Ruck. Steht, und das leise Quietschen der Räder auf den Gleisen,
die, blankgefahren, im Licht der noch scheinenden Wintersonne glänzen,
verstummt. Ich sehe sie nicht, diese blanken Gleise, die ihre Bedeutung
erst
durch den Blick in die Ferne, kurvenfrei, perspektivisch sich verjüngend,
erhalten; früher habe ich des nachts oft an ihnen entlanggeblickt, nordwärts,
dem Meer entgegen. Jetzt sitze ich in diesem Zug, sitze im Interregio
zwischen
Stuttgart und Norddeich Mole, sitze hier im Bistro auf dem Weg nach Lingen,
einem Weg, auf den ich mich stets aufs Neue freue. Rheine. Hier Bahnhof
Rheine.
Sie haben Anschluß… Stimmengewirr, neue Fahrgäste steigen zu, bestellen
Kaffee, ein Bier, eine Kleinigkeit zu Essen, suchen einen freien Platz,
und nur
das Geräusch der Klimaanlage, die Stimmen, einige Schritte und die Stille
des stehenden Zuges, sind zu hören. Schreiben. Schreiben ist Malerei mit
anderen Mitteln. Alles ist Bild. Die Welt besteht aus Bildern, ist selbst
nur Bild,
ist Kunst. Die Sonne ist jetzt verschwunden, der Himmel grau, gleichmäßig
grau.
Ein Zug, es ist der Gegenzug, er kommt von Norden, fährt in den
Bahnhof ein, hält an, und es werden nur noch wenige Minuten bis zur
Weiterfahrt meines eigenen Zuges vergehen; dann, in fünfzehn bis zwanzig
Minuten, werde ich in Lingen sein. Draußen die noch immer leichte Kälte
des Winters, und hier drinnen - wie immer in diesen Monaten - ist es warm.
Zu warm, überheizt und die Luft macht müde. Der Zug ist wieder angefahren.
Die Fahrt geht weiter, und ich werde aus dem Fenster sehen und eintauchen
in
die Landschaft. Eintauchen in mich selbst, in die Stille der Geräusche
des fahrenden Zuges.
Es ist gleich
Mitternacht. Ich sitze am Schreibtisch in meiner Wohnung,
sitze nach einem langen, sinnlosen Fernsehabend, nach langen,
sinnlos vertanen Tagen, endlich wieder am Schreibtisch.
Schon wieder sind Stunden vergangen, schon wieder ist wertvolle Zeit
ungenutzt verstrichen. Schon wieder ist das Leben ein Stückchen
kürzer geworden. Zeit. Das Gefühl, noch etwas mitteilen zu müssen.
Ich weiß nicht was. Die Stille des fahrenden Zuges, die Stille der dunklen
Nacht, die Skurrilität und Leere der Kneipen Edward Hoppers.
Die Beschäftigung mit der Zeit, die Beschäftigung mit der Stille. Die
Frage
könnte lauten, wo der Gesang der Sirenen zu suchen ist und ob es nicht
doch
der bessere Weg, dem Gesang zu folgen. Malerei, Schrift, Sprache,
die Musik - die Malerei… Schreiben über Malerei kann Malerei nur sein.
Die Lust, sich hinzugeben. Die Lust, sich gehen zu lassen, keinen Schlaf
zu haben außer mit der Welt und vom Weg der Normalität und Langeweile
abzuweichen. Malerei. Lust. Zerstörung. Wut und Aggression.
Mitten im Lärm die Stille. Sich zurückziehen in die Landschaft. Wurzeln
suchen.
Erde. Warten auf den Tod. Die schwere Feuchte der Erde spüren. Leben.
Gut oder Böse. Es gibt keinen Unterschied. Das Gefühl der Unbeweglichkeit,
das sich verkriechen in der eigenen Angst. Schreiben, um das Loch
in meinem Bauch, in meinem Hirn, in meinem Herzen zu vertreiben.
Die Lust an der Zerstörung der Zerstörung. Die Leere der Leinwand:
Reinheit, Bedrohung und auch Verlockung, sich hineinfallen zu lassen in
die
Unendlichkeit. Sie zu füllen und zu zerstören. Das Aufbringen von Farbe,
die Wut, die Heftigkeit eines Pinselhiebes. Nicht denken. Bloß nicht denken.
Mich dieser Fläche, diesem kleinen Universum, diesem Kosmos im Kosmos
ausliefern. Hingeben. Sich bedingungslos ausliefern und doch die
Kontrolle nicht verlieren. Gestaltung. Schöpfung. Die Suche nach dem
Göttlichen. Die Suche nach dem Ich, den Wurzeln, dem Ursprung.
Der Zug rast
durch die Landschaft mit seinen nur ihm eigenen Geräuschen
und Bewegungen. Verehrte Fahrgäste… Die Stimme aus dem Lautsprecher kündigt
den nächsten Halt an. Lingen/Ems. Eine kleine Stadt am Rand des Emslandes.
Das Ziel meiner Reise. Wenige Leute packen ihre wenigen Sachen zusammen,
machen sich bereit zum Aussteigen. Das Kraftwerk Lingen erscheint im
Fenster, ist gleich darauf verschwunden, um die Sicht auf die ersten Häuser,
die
ersten Höfe in der Umgebung der Stadt freizugeben. Wieder verlangsamt
der Zug seine Fahrt, wieder das leise Quietschen der Bremsen, und wieder
hält der Zug an, um für einige wenige Minuten Leute ein- und aussteigen
zu lassen,
und sodann seine Fahrt ans Ende des Landes fortzusetzen. Ich steige aus,
werde telefonieren gehen, Freunde besuchen und in wenigen Stunden
schon den Weg zurück beginnen. Ich wäre gern am Meer, würde gern mit
diesem Zug ans Meer … Ich wäre gern allein mit mir. Das Rauschen des Meeres,
das Rauschen des fahrenden Zuges. Der Wind. Die Kraft und Weite des
Meeres spüren und mich fallen lassen. Kraft gewinnen.
Ich sitze
noch immer an meinem Schreibtisch in der Nacht.
Ich werde müde, und habe nicht die Kraft, die Stille der Nacht zu spüren,
sie zu nutzen. Das Schreiben fällt mir schwer. Die Leere in mir gewinnt
die Oberhand. Es ist schwer, nicht nachzugeben.
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